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25.08.2011
  Von: Verena Kuch / Moosburger Zeitung

Das schönste Jahr meines Lebens

 

Die Moosburger Zeitung veröffentlicht die Siegerbeiträge des Schreibwettbewerbs am Karl-Ritter- von-Frisch-Gymnasium, der in diesem Jahr unter dem Motto "Draufgänger - Müßiggänger - Schattengänger" stand.

Emma kommst du bitte! Wir fahren jetzt zu Opa", rief mich meine Mutter. Ehrlich gesagt hatte ich echt keine Lust, Opa zu besuchen. Erstens schaut er eh die ganze Zeit fern und zweitens sind wir ihm doch sowieso egal, also müssen wir doch erst gar nicht hinfahren. Genau diesen Satz hatte ich schon tausend Mal meiner Mutter entgegnet. "Es ist dein Opa, und der wird besucht, man weiß nie, wie lange man die alten Leute noch hat", machte mir Mama klar. "Auf den Nichtstuer kann die Welt auch verzichten", schrie ich. Meine Mutter wurde wütend und schrie zurück: "Es ist immer noch mein Vater und dein Opa, und man wünscht niemandem den Tod."
Da hatte sie wohl Recht. Aber es würde echt niemandem auffallen, dass er nicht mehr im dritten Reihenhaus in der Blütenstraße wohnen würde. Seit ich ganz klein war, hat er das Haus nicht mehr verlassen. Mama sagte immer, das wird wieder, er muss erst mal den Verlust von Oma verkraften. Aber nach fast sieben Jahren sollte man doch wieder ins richtige Leben zurückfinden. Mama arbeitet jeden Tag hart, damit wir uns die Wohnung leisten können und die Haushaltshilfe von Opa bezahlt werden kann. Ich hatte sie oft gefragt, ob er traumatisiert sei. Nein, hatte sie immer geantwortet, er ist ein Nichtstuer. Für mich ist ein Nichtstuer jemand, der immer das Gleiche oder einfach gar nichts macht. Und aus diesen Gründen musste ich wohl feststellen, dass mein Opa zu dieser Gattung gehört. "Emma schick dich bitte, der Kuchen für Opa soll nicht so lang im Warmen sein", rief mir meine Mutter vom Treppenhaus zu. Ich zog meine viel zu kleinen Schuhe an und schloss die Tür hinter mir zu. Ich folgte meiner Mutter die fünf Stockwerke nach unten und dann nichts wie raus aus der Bruchbude. Mama sagt manchmal: "Wenn sie den Schuppen nicht bald renovieren, fällt uns die Decke auf den Kopf." Da wir kein Auto hatten, mussten wir die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bestreiten. Meine beste Freundin erzählt mir oft von ihren Großeltern und von den Abenteuern, die sie zusammen erlebt haben. Ihr Opa steht noch voll im Leben, er kommt oft bei ihr vorbei, und sie fahren gemeinsam zum Rummelplatz. Wenn ihre Mutter arbeiten muss, kann sie nach der Schule zu ihrer Oma und ihrem Opa. Mein Opa war noch nie mit mir auf dem Rummelplatz oder einfach mal Eisessen. Nach der Schule muss ich immer in einen Kinderhort, weil Mama ja nie da ist und immer arbeiten muss. Ich würde alles dafür tun, dass mein Opa endlich realisiert, dass es mich gibt, dass er seit elf Jahren Opa ist und er keinen Grund mehr hat, nichts zu tun. Nach einer langen hektischen Fahrt mit Bus und Bahn bogen wir endlich in Opas Straße ein. Die ersten zwei Häuser glänzten in der Sonne, aber vor Opas Haus war die Hölle los. Ein Krankenwagen versperrte den Eingang, ein Notarztwagen parkte gleich dahinter. Die Haushaltshilfe saß heulend am Straßenrand. Mama rannte zu ihr und wollte wissen, was denn los sei. "Ich habe ihn bewusstlos auf dem Boden gefunden, die Ärzte denken, dass er einen Schlaganfall hatte", schluchzte das junge Mädchen. Mama wurde ganz weiß im Gesicht. Auch mir wurde ganz schön mulmig zumute, denn vor einer halben Stunde hatte ich noch offen zugegeben, dass es mich nicht stören würde, wenn er nicht mehr da wäre. Und jetzt so was.
Nach einer halben Ewigkeit kam endlich ein Arzt. Er steuerte auf Mama zu und wollte wissen, ob sie mit Opa verwandt sei. Mama bejahte, ihr kullerten immer wieder Tränen die Wange hinunter. "Machen Sie sich keine Sorgen, der Schlaganfall ist nicht schlimm gewesen", erklärte der Arzt. Dann wurde eine große Liege in den Krankenwagen geschoben. Auf der Liege lag mein Opa, er war kreidebleich und in eine Art Alufolie eingepackt. Ich wollte wissen, für was die Folie da war, aber Mama war zu beschäftigt. Sie zog mich hinter sich hinein in den Krankenwagen. Ich hatte noch nie so eine schlimme Autofahrt erlebt. Ich war heilfroh, als wir endlich im Krankenhaus ankamen. Mama gab mich in die Obhut einer Krankenschwester und folgte dann der Liege hinein in den Wirrwarr der Krankenhausgänge.
Nach gefühlten drei Stunden kam endlich Mama, sie winkte mir zu, ihr zu folgen, und nach fünf Minuten standen wir in Opas Zimmer. Als wir im Zimmer ankamen, erinnerte es mich ein bisschen an sein Zuhause. Der Fernseher, der gegenüber auf einer Kommode stand, war natürlich an. "Maria, sag du doch bitte der Krankenschwester, sie soll mir ein Glas Wasser bringen!", befahl er Mama. Sie verließ das Zimmer und ließ mich allein mit ihm. "Entschuldigung, Sie versperren meine Sicht!", stotterte er. Hä, wen meinte er jetzt? Ich schaute mich um, aber nur ich war im Zimmer. "Bitte gehen Sie jetzt weg, ich will das sehen", befahl er mir. Es hörte sich ein bisschen an wie ein kleiner Junge, der seine Mutter überreden muss, dass er Fernsehschauen darf. Ich bekam Angst. Er war mir so fremd. In seiner Welt dreht sich alles nur ums Fernsehen. Er bekam mich gar nicht mit. Er kannte mich nicht mehr. Seine eigene Enkeltochter hatte er vergessen. Ich riss die Krankenzimmertür auf und rannte raus. Auf dem Gang begegnete ich Mama. "Was ist denn los, warum rennst du denn hier so rum? Komm, wir gehen wieder zu Opa, der braucht uns jetzt", sagte meine Mutter. "Nein!", schrie ich, "er braucht uns nicht, der bekommt uns gar nicht mit, für den zählt nur noch Nichtstun, wir sind dem doch total egal. Der kennt mich gar nicht mehr. Ich will keinen Opa haben, der mich nicht kennt, und sag jetzt nicht, dass das Folgen von dem Schlaganfall sind, denn das stimmt nicht. Er ist einfach ein Nichtstuer. Nichts weiter. Er hat irgendwann damit angefangen und nie mehr damit aufgehört." Mama schaute mich mit großen Augen an und sagte nichts. Sie nahm mich am Arm und zog mich zurück in Opas Zimmer. Sie nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher einfach aus. "Mach den Fernseher wieder an", protestierte er lautstark. "Kennst du dieses Mädchen, Papa, hast du sie schon mal gesehen?", fragte Mama meinen sehr wütenden Opa.
Bevor Opa überhaupt antworten konnte, fing eine Maschine neben ihm sehr laut an zu piepsen und ein Arzt stürmte durch die Tür ins Zimmer und schickte uns wieder raus. Opas Herz hatte sich überanstrengt, erklärte uns der Arzt später. Mama war stinksauer. "Er hätte sterben können, nur weil du ihn so unter Druck gesetzt hast", schrie sie mich an. "Wäre mir doch egal gewesen, er kennt mich doch eh nicht, da ist es doch egal, ob er tot oder lebendig ist!", schrie ich zurück. Jetzt war es Mama zu viel. Sie nahm wieder meine Hand und zog mich vor Opas Tür. "Du entschuldigst dich jetzt bei deinem Opa", sagte sie und drückte mich in das Zimmer. Es war still, sogar der Fernseher war nicht an. Ich setzte mich an sein Bett und nahm seine Hand. Noch nie zuvor hatte ich seine Hand gehalten. "Hallo Opa! Ich bin es, Emma, deine Enkeltochter. Ich bin jetzt schon elf Jahre alt und gehe in die fünfte Klasse. Warum kennst du mich nur nicht? Warum sitzt du eigentlich immer vor dem Fernseher? Ist das für dich dein Leben, einfach nichts zu tun? Der Pfarrer sagt, das ist sogar eine Sünde. Aber warum machst du das? Das Leben ist doch so schön. Das Leben ist viel zu schön, um vor dem Fernseher zu versauern. Warum bist du nur so?", fragte ich ihn. Ich merkte, wie er überlegte. "Du bist schon so groß, Emma. Ich weiß noch, wie du ganz klein warst, aber dann ist meine Frau gestorben, mein Leben hatte keinen Sinn mehr. Auch wenn das eine Sünde ist, am liebsten wäre ich bei meiner Frau im Himmel. Weißt du, ich kann mich nicht umbringen, das geht nicht. Und aus diesem Grund hab ich angefangen, fern zu schauen", antwortete er. "Und nichts tun, das gefällt dir?", fragte ich ihn. "Na ja, mein Kind, was soll ich sonst machen?", fragte er mich. "Du sollst dein Leben genießen. Nur weil Oma tot ist, heißt das noch lange nicht, dass du auch so tun musst, als wärst du tot. Andere Opas in deinem Alter gehen Kegeln und treffen sich mit anderen Senioren. Viele kümmern sich um ihre Enkelkinder", erzählte ich ihm. "Bitte geh jetzt, meine Lieblingssendung fängt gleich an", befahl er mir. Ich zuckte zusammen. Nichts hatte es gebracht, ich hatte ihm alles umsonst erzählt. Ich hatte schon fast gedacht, er würde aufhören, aufhören nichts zu tun. Aber ich hatte mich getäuscht.
Nichts änderte sich. Auch nicht, als er wieder nach Hause durfte, es wurde sogar noch schlimmer. Früher ist er zum Schlafen ins Bett gegangen, jetzt bleibt er einfach liegen. Manchmal fahre ich nach der Schule zu ihm und koche mir in der Küche etwas, da ich einfach keine Lust mehr auf das Essen im Kinderhort habe. Heute gab es das Lieblingsessen von Oma: Pfannkuchen. Es duftete im ganzen Haus. Für Opa gab es dazu Marmelade und für mich Nutella. Nachdem ich ihm den Teller hingestellt hatte, griff er nach meiner Hand. Dann stand er auf und umarmte mich. Es war der schönste Moment, der mir jemals passiert war. Es war einer dieser Momente, in denen einfach alles stimmt. "Danke Emma, du hast mir mit diesem Essen gezeigt, dass Oma vielleicht nicht mehr bei uns ist, aber in unserm Herz lebt sie immer weiter. Und ich habe acht Jahre lang nichts getan. Ich habe mein Leben verschenkt. Ich hätte sehen können, wie du größer wirst, aber ich habe mich verkrochen, mich zum Nichtstuer entwickelt. Ich hatte zu nichts mehr Lust, ich wollte allein sein und meine Ruhe haben. Wie dumm ich doch war. Du bist so ein tolles Kind. Dein Lächeln gibt mir Kraft, jetzt wieder aufzustehen und neu anzufangen. Denn ich lebe nur einmal, und deshalb werde ich mein Leben jetzt wieder sinnvoll gestalten", sagte er mit einer so schönen, ruhigen Stimme. Plötzlich drehte sich alles zum Guten. Zwei Wochen später fühlte es sich an, als wäre mein Opa schon immer so richtig mein Opa gewesen. Aber Mama hatte eine schlechte Nachricht für mich: "Ich war heute mit Opa beim Arzt. Es sieht nicht gut aus für ihn. Die Ärzte geben ihm noch ein Jahr, dann ist sein Herz zu schwach, um zu schlagen." Ich musste schlucken. Ein Jahr! Mir kamen die Tränen und dann musste ich bitterlich weinen. Ich hatte meinen Opa gerade erst bekommen und jetzt soll er in einem Jahr schon wieder gehen. Aber es war das schönste Jahr, das ich jemals erlebt hatte. Ich werde es nie wieder vergessen.
Mit diesem Satz beendete ich die Trauerrede an Opas Beerdigung.
Verena Kuch





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