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29.08.2011
  Von: Lucie Fickel / Moosburger Zeitung

Schattengänger

 

Die Moosburger Zeitung veröffentlicht die Siegerbeiträge des Schreibwettbewerbs am Karl-Ritter- von-Frisch-Gymnasium, der in diesem Jahr unter dem Motto "Draufgänger - Müßiggänger - Schattengänger" stand.

Ja, so ist das Leben. So ist meine Welt. Schnell und ehrgeizig und amüsant. So, wie wir sie uns alle gewünscht haben, irgendwann früher. Als wir noch nicht wussten, wie dumm Fernsehen macht und wie anfällig der Mensch für Faulheit ist. So wollten wir sie doch haben, oder nicht? Wir wollten es bequem und billig. Wir wollten alles über jeden wissen, über die ganze Welt am besten. Aber, dass es Menschen auf der Welt gibt, die wegen uns leiden, das wollten wir lieber nicht wissen. Ja, ich weiß schon! Wir wollen alle nur das Einfache und Leichte, das, was uns keine Probleme macht und vor allem keine Gewissensbisse. Und das, was uns Glück bringt und uns glücklich macht, weil wir jetzt alle ein Recht darauf haben, unser persönliches Glück zu suchen und vor allem zu finden. Ja, ich weiß schon, jeder ist jetzt für sich selbst verantwortlich, weil man dem anderen ja keine Möglichkeiten nehmen will. Weil jeder ein Recht auf absolute Freiheit hat. Jeder darf frei sein und keiner darf ihn daran hindern. Alle haben ein Recht darauf, zu träumen und ihre Träume auch zu verwirklichen, und wer ihnen dabei im Weg steht, sollte ganz schnell verschwinden. Das gehört sich nämlich nicht in unserer Welt. Das Wichtigste in unseren winzigen Leben sind wir selbst.
Glaubst du das wirklich, Michel? Ich betrachte den Hintern der Bedienung. Glaube ich das wirklich? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ich glaube. Ich fühle mich so unbeschreiblich scheiße.
Dieses Cafe liegt an einer Hauptstraße und es laufen die ganze Zeit Leute an mir vorbei. Ihr wisst schon, sie eilen mit so großen Schritten durch die Welt. Diese Schritte zeigen: "Hey, seht ihr? Ich bin auch beschäftigt. Ich habe auch Stress. Ich bin auch wichtig." Sie sind alle so hektisch. Wie lauter kleine Wirbelstürme, die sich geschäftig über die Erdoberfläche hinwegbewegen, immer um den eigenen Mittelpunkt kreisend, während sie alles an sich ziehen, damit sich alles um sie dreht in ihrem kurzen, unbedeutenden Leben. Alles wirbelt in einem mehr oder weniger chaotischen Zustand um sie selbst, ein komplett leeres Sturmauge, das frei ist von jeglicher Energie und nur wegen dem Newtonschen Trägheitsgesetz mitgerissen wird.
Und das macht sie glücklich. Zumindest sehen sie glücklich aus. Sie denken nicht weiter als an die nächste Unterhaltungsmöglichkeit oder den nächsten Moment, in dem sie alle zeigen können, was sie für tolle Hechte sind, alle miteinander. Sie kümmern sich nur noch um sich selbst. Tun die Dinge, damit sie glücklich sind und zufrieden. Diese Dinge sind meistens sehr simpel. Die Tatsache, dass auch große Anstrengung zu Zufriedenheit führen kann, ist so gut wie vergessen.
Wenn heute jemand zum Beispiel die Welt verbessern will, dann wird er ziemlich schräg angeschaut. Das ist ja sowieso nicht möglich, heißt es dann. Und, na ja, ich meine, was muss das auch für ein Mensch sein, der anstatt, dass er bequem BMW fährt und sich auf Facebook profiliert und vielleicht noch ein bisschen arbeitet, damit er seinen Kindern das neue Mac-Book kaufen kann, lieber seine kostbare Zeit damit verschwendet, Leuten in Not zu helfen? Idealismus verstößt völlig gegen unser heutiges Weltbild. Keiner glaubt mehr an irgendwas, geschweige denn, dass irgendjemand auch noch etwas opfert für eine seiner Meinung nach wichtige Sache.
Ach, Michel, du bist doch nur verbittert. Du bist doch nur sauer über dich selbst. Du bist ein unglücklicher Mann in den besten Jahren. Du weißt doch, dass das alles nicht stimmt.
"Darf es noch etwas sein, Monsieur?" Ich betrachte den Ausschnitt der Bedienung. Ich weiß nicht mal warum. Ich habe eine wunderschöne Frau zu Hause.
Ich habe zwei süße kleine Kinder. Ich habe eine Frau, eine Wohnung und zwei Goldfische. Ich fahre jeden Morgen in die Arbeit. Das ist dein Leben, Michel, und du starrst diesem hübschen jungen Ding in den Ausschnitt, als hättest du noch nie Brüste gesehen.
"Nein, danke. Ich zahle dann." Ich lege drei Euro fünfundsiebzig auf den Tisch. Passend. Wie immer. Kein Trinkgeld. Sie lächelt mich an, schiebt das Geld von der Tischplatte in ihre hohle Hand und lässt es dann in diesen großen Geldbeutel fallen, den alle Bedienungen haben.
"Dankeschön und einen guten Abend, Monsieur." Sie geht zum nächsten Tisch. Lächelt den nächsten Mann an. Wahrscheinlich schaut der ihr auch nicht in die Augen.
Tja und jetzt, Mister. Was glaubst du, wo du jetzt hingehst? Ja, wo gehe ich jetzt hin? Was mache ich hier überhaupt? Die Sonne geht langsam unter. Wahrscheinlich ist es für einen Vater mit zwei dreijährigen Kindern sowieso schon viel zu spät. Ich sollte Zuhause sein und meine Kleinen ins Bett bringen. Aber ich will nicht nach Hause.
Mein Leben gleitet von einem Tag in den anderen. Sie überschneiden und überdecken sich in den Geschehnissen. Ich lebe einen absoluten Alltag, ein Leben wie ich es nie haben wollte. Deswegen sitze ich immer nach der Arbeit in diesem Scheiß-Cafe und schaue der Bedienung hinterher, damit ich dieses Immer-Gleiche durchbrechen kann, damit ich nicht so zugrunde gehe. Damit ich nicht aufhöre, zu glauben, dass dieses eine Leben, das ich führe, etwas ganz Besonderes ist. Dass ich etwas ganz Besonderes bin. Damit ich nicht darüber nachdenken muss, dass mein Leben überhaupt nicht erfüllt und glücklich ist, und dass ich das Gefühl habe, als wäre ich der Einzige, der von dem allgemeinen Recht auf Freude ausgeschlossen ist. Ich bin hier, damit ich nicht nach Hause muss. Damit ich mich da nicht mit den Kindern rumzanke und mit meiner Frau streite.
JA . . . sicher, ich liebe meine Kinder, sie sind das größte Glück seit ich geboren wurde und ja natürlich ich liebe meine Frau, sie ist die schönste und klügste Frau, die ich mir je hätte wünschen können. Sie ist so stark und so großartig. Sie kämpft um ihr Glück. Sie liebt das Leben. Wer würde so eine Frau nicht lieben? Haha . . . Ja genau. Wer würde sie verdammt noch mal nicht lieben?!
Diese wunderbare Frau würde alles tun, um glücklich zu werden. Und für sie heißt glücklich sein, frei sein. Das hat sie mal gesagt, als wir uns stritten. Und dann hat sie gesagt: "Und du, Michel, raubst mir so viel Freiheit. Du bist so erdrückend." Dann hat sie mich angeschaut, wütend und schrecklich traurig. Und seitdem kämpft sie gegen mich, um ihrer Freiheit willen, weil sie vielleicht nicht anders kann oder vielleicht nicht anders will. Was weiß ich. Ich will nicht nach Hause. In diese Welt, die ich versuche zu erhalten und die sie versucht, mit aller Kraft einzureißen. Ich will nicht an die Zukunft denken, wenn sie mal weg ist, mit den beiden Kindern zu diesem anderen, der nicht so ist wie ich. Es ist kein Geheimnis, dass sie mich betrügt. Ich sitze dann alleine in dieser riesigen Wohnung und trauere meinen Träumen nach. Und kann mich selbst nicht ertragen, weil ich all meine Träume aufgegeben habe, um diese Frau glücklich zu machen, und nicht mal das habe ich geschafft. Ich will nicht, dass das mein Leben ist. Ich will nicht einer von diesen superbeschäftigten Luxuseuropäern sein, die in einem Leben dreimal heiraten. Meine Existenz soll der Welt etwas bringen außer Gerichtskosten. Sie soll in Sonne getaucht sein und dabei strahlen wie Gold, mein Leben soll warm sein, wie ein kuscheliges Bett mit dicken Daunendecken, eines in dem man sich wohlfühlt. Aber so fühlt es sich nicht an. Ganz und gar nicht. Es ist so kühl, alles um mich rum. Als würde sich an einem richtig heißen Tag ein riesiger Schatten über mich legen und dann kommt noch eine kleine Brise und man beginnt zu frösteln, weil man eigentlich die Wärme gewöhnt ist.
Ja, Michel, das weiß doch jeder, dass du nicht die andern ätzend findest, sondern dich selbst. Das sieht doch jeder, der zwei Augen im Kopf hat.
Weißt du noch, mit 20 wolltest DU die Welt retten, deswegen bist du Arzt geworden. Jetzt schneidest du irgendwelchen Leuten Zysten und überschüssiges Fettgewebe heraus, weil man damit am meisten Geld verdienen kann. Weil deine Frau viel Geld haben wollte.
Mit 20 wolltest du all deine Grenzen erfahren. Du wolltest zu den kältesten und heißesten Orten der Welt. Du wolltest Marathon laufen, wolltest vier Wochen fasten und irgendwann einen Pilotenschein machen. Du wolltest Feuerland mit dem Fahrrad durchqueren und den tropischen Urwald sehen und Moskau, wolltest bei einer Weinernte helfen und irgendwann alt und glücklich in deinem Schaukelstuhl sitzen und alles deinen fünf kleinen Enkeln erzählen. Du wolltest, dass die Menschen besser werden, wolltest allen erzählen, dass es möglich ist, friedlich miteinander zu leben auf der ganzen Welt. Du wolltest vielleicht Politiker werden, um Einfluss zu nehmen auf die Moral der Menschheit. Du wolltest alles geben, was du hast, um jeden Moment so intensiv wie möglich zu spüren. Das wolltest du, weißt du noch? Michel?
Na ja, jetzt bin ich an eine Grenze gestoßen. An die Grenzen dessen, was ich ertragen kann. Was ich tragen kann. Ich bin zu einem Kaktus des Glücks und der Liebe geworden. Er kommt fast ganz ohne alles aus. Aber eben nur fast.
Und jetzt ist der Kaktus am verdursten. Du bist eine traurige Gestalt, Michel.
Mein Handy klingelt. Es ist mein altes Lieblingslied. Französisch. Renaud. Sehr melancholisch. Aus dem Display zeigt es an, dass das meine Frau sein muss. Sie wird fragen, wo ich bin, ich werde lügen, sie wird so tun, als glaubte sie mir, aber innerlich wird diese Lüge noch ein Grund für sie sein, mich mehr zu hassen. Weil ich nicht mal mehr ehrlich bin. Weil ich sie wahrscheinlich auch betrüge, aber ich gebe unser Geld für teuren Schmuck meiner Geliebten aus. Sie wird sich alles so zurechtlegen, wie sie es braucht, damit ich ein absolutes Arschloch bin. Egal, was ich sage.
"Ja, Schatz, hallo?"
"Wo bleibst du? Die Kinder haben Hunger! Es ist schon nach acht. Kannst du nicht einmal früh heimkommen?"
Ich starre auf den letzten Schluck Weißbier in meinem Glas. Bier hat die Farbe von Bernstein. Und beides beginnt mit B, denke ich. Und jetzt? Ich will das nicht. Ich will das so einfach nicht haben.
"Michel! Wann kommst du nach Hause?!"
"Ich werde heute nicht nach Hause kommen." Ich starre weiter auf das fast leere Bierglas. Erst als ich das gesagt habe, wird mir bewusst, was ich gesagt habe. Adrenalin schießt mir in die Adern. Ich presse die Lippen aufeinander und warte mit angehaltenem Atem. Wenn du sie verlässt, bist du auch ein Wirbelsturm. Du denkst auch nur an dich.
"Was soll das denn heißen?" Stille.
"Ich werde heute nicht nach Hause kommen." Stille. Tiefer Atemzug.
"Und warum nicht?" Ich warte. Was soll ich sagen? Sie weiß sehr gut, wie es um uns steht. Warum fragt sie denn überhaupt?
"Weil unser gemeinsames Leben ein Gefängnis ist, Sarah. Und ich will so nicht leben. Ich liebe dich, aber du liebst mich nicht mehr. Ich bin dein Gefängnis und ich will nicht, dass wir so leben."
Stille. Sie sagt nichts mehr. Gar nichts mehr. Lange.
Dann legt sie auf . . .
Das ist das Ende. Dieses Knacken im Telefon und dieses Tuten, dem man immer noch eine Zeitlang nachhorcht, weil man nicht glauben kann, dass der andere aufgelegt hat. Das ist das Ende eines Lebens. Meines bisherigen Lebens. Für kurze Zeit höre ich einfach nur meinen Herzschlag, laut in meinen Ohren. Mein linkes Bein zittert heftig.
Ich stecke mein Handy in die Tasche.
Trinke mein Bier aus und gehe. Der Abend erkämpft sich immer mehr sein Territorium über der Stadt, legt sich mit kühler Dunkelheit über all diese kleinen Wirbelsturmleben. Sie kommen zur Ruhe, denn es wird Nacht und die Nacht birgt weniger Gefahren als der Tag, denn man schläft für eine Weile all die Probleme vergessend, die unsere Welten ausmachen. Träumend von all den Möglichkeiten, die man hat.
Und die man auch nutzen sollte, nicht Michel?
Zwei Jugendliche laufen an mir vorbei. Ein Junge. Ein Mädchen. Sie halten sich an den Händen und lachen.
Und? Beneidest du sie? Weil sie jung sind, weil sie nichts wissen von den Schwierigkeiten des Lebens, weil sie sich keine Gedanken um das alles machen, weil sie einfach glücklich sind, weil ihnen noch alle Türen offenstehen? Na, beneidest du sie, weil du schon so viele Möglichkeiten verspielt hast?
Ich gehe immer weiter. Was soll ich auch sonst machen? Ich fühle mich schwer innen drinnen. Ich vermisse mein Leben mit meiner Frau und meinen beiden Kindern. Zumindest wie es einmal war. Diese Sicherheit, die sie mir gaben. Diese feste Rolle, einen Platz in der Welt. Auch wenn dieser Platz nicht bequem war, ganz und gar nicht. Es war mehr so ein Nagelbrett, trotzdem hat man eine Aufgabe und vor allem ist man nicht allein. Einsamkeit ist das Schlimmste. Wo gehe ich hin? Ich gehöre zu niemandem mehr. Der Rest meines Lebens liegt vor mir.
Du musst mutig sein und angestrengt. Aber vor allem mutig.
Nein, ich beneide euch nicht. Die, die ihr noch jung seid, die ihr glaubt, euch lägen alle Möglichkeiten zu Füßen. Es ist noch keiner eurer Träume geplatzt. Kein Schluck Hoffnung wurde verschüttet. Die wenigsten unter euch mussten schon wählen zwischen zwei Dingen. Ihr seid voller Erwartungen an das Leben. Ihr träumt davon, die Welt zu erobern und eine großartige Zeit zu haben.
Ich kann euch nur sagen: So ist das Leben nicht. Es geht immer auf und ab. Das ist die einzige Konstante. Aber egal, was euch passiert, lasst euch ein auf die Abenteuer. Und vor allem: habt keine Angst davor, euch für etwas zu entscheiden und gegen etwas anderes. Seid mutig, so gut ihr könnt.
Ich fühle mich, als würde meine Welt zusammenstürzen, endlich, während ich seelenruhig zum Ausgang gehe, wo mich eine neue Zukunft erwartet.
Lucie Fickel, Q 11





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