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22.03.1978
  Von: Münchner Merkur

Was nicht im Stundenplan steht

 

von Hans Maier

Schulfeier in einer oberbayerischen Stadt. Der Neubau eines im Aufbau begriffenen Gymnasiums wird eingeweiht. Zwei Stunden, die wie im Flug vergehen, die man festhalten möchte; denn durch die Reden, die Lieder, die Schlüsselübergabe, die Weihe, die von Schülern in Form einer Moritat vorgetragene Baugeschichte geht ein so fröhlich-ungezwungener Ton der Heiterkeit, des Einverständnisses, daß man sich verwundert fragt: Wie lange wurde an unseren Schulen nicht mehr gesungen und gefeiert — und geht diese Zeit nun vielleicht doch zu Ende?

„Was nicht im Stundenplan steht", so nannte der Bayerische Philologenverband vor Jahren eine Wanderausstellung, die einer breiteren Öffentlichkeit die vielfältigen Initiativen vor Augen führen wollte, die an unseren bayerischen Schulen Platz finden. Was nicht im Stundenplan steht  - das ist genau jener Bereich, den die Pädagogik mit dem Begriff Schulleben meint und der die Atmosphäre einer Schule so nachhaltig prägt: Spiel und Feier, Schulgottesdienst, Wanderung und Klassenfahrt, Skikurs und Elternabend, Jahresbericht und vieles andere mehr.

Mit einer Schulfeier tritt die Schule an die Öffentlichkeit. Pädagogen haben aus alter Tradition oft eine Scheu vor der Öffentlichkeit, nicht weil sie sie fürchten müßten, sondern weil sie besorgt sind, daß Publizität ihre eigenen Gesetze hat, die dem Erziehungsauftrag manchmal Abbruch tun können. Man muß diese Gefahr sehen, aber man entgeht ihr nicht durch Abstinenz, sondern dadurch, daß die Schulfeier eine pädagogische Veranstaltung bleibt und falschen Perfektionismus vermeidet. In unserem demokratischen Staat ist Schule ein öffentliches Unternehmen. Als solches bedarf sie öffentlicher Resonanz. Nicht daß eine Schule um jeden Preis im Gespräch bleiben sollte; aber gewiß kann das Goethe-Wort „Selig, wer sich vor der Welt ohne Haß verschließt" schwerlich ein Leitwort für die Schule, die Lehrer und Schüler von heute sein.

Wir sind eben wieder dabei, Pflege der Tradition als Wert neu zu entdecken, nachdem es jahrelang Mode war, sie geradezu als Hemmnis menschlicher Selbstverwirklichung zur Seite zu stoßen. Wo dies geschah, war unbefangenes Sich-Freuen nicht mehr möglich, gingen Schulfeiern in Lärm, Protest, Provokation als Ausdruck der bloßen Verneinung unter. „Das Ende des Festes" — mit diesem Wort hat der Münchner Philosoph Helmut Kühn den Beginn der Hochschulrevolte — die gezielte Störung und Sprengung akademischer Feiern im Jahr 1967 — bezeichnet. Wer nicht mehr feiern kann, dem fehlt die für den jungen Menschen so entscheidende Fähigkeit zum Eins-Sein mit sich und anderen, und wer neben der nötigen kritischen Nüchternheit nicht auch Begeisterungsfähigkeit kennt, Freude, Hingabe, der bleibt ein halber, ein verkümmerter Mensch sein Leben lang. Und ich fürchte, die Veränderungsstrategen, die Feiern als kritiklose Hinnähme einer „heilen Welt" belächeln oder verleumden, tun nicht nur dem verstorbenen Werner Bergengruen bitter Unrecht, sie haben, auch mit unserer Jugend nichts Gutes im Sinn. Wer die heile Welt nicht einmal kennen oder wenigstens ahnen gelernt hat, der hält die unheil (wirkliche) nicht aus.

Die Protestbewegung des letzten Jahrzehnts hat den Generationenkonflikt so zugespitzt, daß junge Menschen keinem mehr trauen wollten, der über 30 war. Die Väter-Generation wiederum hat diese Antihaltung oft mit Mißtrauen gegenüber allem, was lange Haare trug und in einer jugendlichen Subkultur sich abschloß, vergolten oder sich in Resignation geflüchtet — beides keine erzieherischen Verhaltensweisen. Nun ist die Schule der Ort, wo die Generationen sich begegnen — alle Erziehung ist Umgang (Stifter) — und wo Überliefertes weitergegeben und mit der Forderung des Tages ausgeglichen wird. Und wenn Lehrer, Schüler, Eltern sich zusammenfinden, um ein Schulfest, ein Spiel, ein Konzert vorzubereiten, dann geht davon ganz natürlich und spielerisch eine gemeinschaftsbildende Kraft aus, die das Leben prägt, wie viele Schulerinnerungen zeigen.

Eines ist sicher: An der Frage, ob an unseren Schulen (und Hochschulen) Feiern noch oder wieder möglich sind, entscheidet sich weit mehr als die Zukunft unserer Bildungseinrichtungen; es entscheidet sich daran, ob die Kräfte des Veränderns und des Bewahrens im Gleichgewicht sind und ob Erziehung als Umgang der Generationen in unserem Land noch möglich ist.





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