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17.11.2016
  Von: Karin Alt (Moosburger Zeitung)

Aus Nummern werden Menschen

 

Christine Fößmeier und Gymnasiastinnen geben Kriegsopfern eine Stimme

Mit einer Kunstinstallation hat die Moosburger Journalistin und Kunsthistorikerin Christine Fößmeier den Kriegsgefangenen im Stalag VIIA ein Gesicht gegeben. Zusammen mit Französischlehrerin Inge Wachsmuth und vier Gymnasiastinnen verlieh sie den Kriegsopfern jetzt eine Stimme. Nicht nur die Beteiligten hat das berührt, auch die Zuhörer des Vortrags „Über die Erinnerung hinaus: Quellen zum Sprechen bringen“ in der VHS waren ergriffen, als aus Nummern Menschen wurden.

Im Kriegsgefangenenlager Stalag VIIA wurde Wert auf eine korrekte Registrierung der Zugänge gelegt. Jeder Gefangene bekam eine Erkennungsmarke und eine Personalkarte – damit ist aus dem 36-jährigen Jean-Baptiste Suzanne aus einem kleinen Ort an der Biscaya-Küste die Nummer 26175 geworden. Fößmeier weiß das, weil sie die Karteikarte von Suzanne über eine Internetauktion erworben hat. Der Karte ist zu entnehmen, dass der Landwirt beim „9. Bataillon de chasseurs a pieds“ diente, er war also Infanterist. Wegen einer akuten Wurmfortsatzentzündung kam er ins Reservelazarett am Freisinger Domberg, wurde operiert und nach vier Wochen gesund entlassen. Mehr ist nicht bekannt über Jean-Baptiste, aber mit diesem Wenigen ist Nummer 26175 der Anonymität entrissen, durchs Buchstabenwissen schimmert das Schicksal hindurch.

Eine weitere Quelle, die Fößmeier zum Sprechen bringt, sind Bilder, angefertigt von Künstlern im Stalag VIIA. Da ist das aquarellierte Portrait eines feschen jungen Mannes mit kleinem Schnäuzer, leider namenlos. Da wurde gezeichnet, wie eng es in den Baracken war; wie langsam die Zeit verging, das sieht man den Gesichtern an. Erschütternd die schnell hingeworfene Skizze eines bis auf die Knochen abgemagerten russischen Kriegsgefangenen, der von zwei Leidensgenossen in die Dusche getragen wird und dort zusammenbricht.

Darüber hinaus gibt es schriftliche Quellen wie das Buch von Felix Prieur mit dem Titel „68.881 VIIA“. Darin schildert der Autor, dass er eine entmenschlichte Kennnummer war, nicht mehr der Offiziersanwärter Felix. Alfred Gaspart berichtet, dass er mit anderen Malern ins Lazarett gegangen ist, um sterbende Russen zu zeichnen, ausgezehrte Gestalten, „zu kurzer Verfallszeit verdammt“, wie er schreibt.

Und dann ist da die Lagerpost, absoluter Höhepunkt im Alltag der Gefangenen, wenn Briefe oder Pakete von zu Hause eintrafen. Auch hier stellte Fößmeier den nüchternen Fakten „den Menschen dahinter“ an die Seite, am Beispiel von Arlette. Einige der Briefe der jungen Französin an ihren Verlobten im Moosburger Stalag VIIA sind nämlich erhalten und wurden im Französisch- Unterricht von Inge Wachsmuth ins Deutsche übertragen. Vier Schülerinnen des Karl-Ritter-von Frisch-Gymnasiums stellten die Ergebnisse ihrer Arbeit vor: Vivian Anderson Medina, Lisa Lingen, Ricarda Nettinger und Alexandra Reithmaier. Arlette hat an die Nummer 47920 geschrieben, an den Gefangenen Gaston Gaben. Drei Jahre lang. So poetisch und blumig ihre Worte, so liebevoll auch die Adresse: Unter die anonyme Nummer hat Arlette den Namen ihres Verlobten gemalt, grafisch verziert, bunt hervorgehoben, bisweilen heutigen Graffiti nicht unähnlich. Unverkennbar ihr Bemühen, ihm möglichst viel aus ihrem Alltag zu erzählen – an die vorgeschriebenen Linien hält sie sich nicht, schildert ausführlich Kleinigkeiten. Im Laufe der Zeit ändert sich zwar nicht das formelle Sie, mit dem Arlette ihren Gaston anspricht, aber immer deutlicher scheint ihre Sorge um den Verlobten durch. Anfang 1945 macht sie sich große Sorgen, hat seit drei Monaten keine Post bekommen. Sie appelliert ein ums andere Mal: Halten Sie durch, um diese letzte harte Zeit durchzustehen. Ihr „Ritter“ fehle ihr sehr, schreibt sie, und versichert ihn ihrer ewigen Treue.

Ein bewegender Vortrag von Inge Wachsmuth und ihren Schülerinnen, mal in der Originalsprache, mal auf Deutsch. „Es hat uns zutiefst berührt, was wir da gelesen haben“, sagten sie, „denn das hat genau hier stattgefunden, wo wir leben, und das macht es um einiges ergreifender.“ Da habe man Krieg mal anders erlebt als im Klassenzimmer. Die Schülerinnen fanden es daher wichtig, diese Quelle weiterzugeben an die nächste Generation, „damit so etwas nicht noch einmal passiert“. Wachsmuth ergänzte, man habe zuvor im Unterricht den kleinen Prinzen im Original gelesen, das Paradebeispiel für Humanität in einer inhumanen Zeit also. Arlettes Briefe hätten die Erkenntnis „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ eindrucksvoll unterstrichen. Deshalb sei das Übersetzen keine Arbeit gewesen, sondern eine Aufgabe, „die uns reifer gemacht hat“.

Thea Band von der VHS sprach in ihrem Schlusswort aus, was wohl alle Vortragsbesucher empfanden: Die etwas andere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und das, was Fößmeier damit in Bewegung setzt, sind kostbar. Außerdem prophezeite Band den Schülerinnen, die zuvor zum Teil vom Smartphone abgelesen und auf die Unleserlichkeit von Arlettes Handschrift hingewiesen hatten, schmunzelnd: „In 20 Jahren werdet ihr euch über einen handgeschriebenen Brief freuen!“





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